Zur Definition von "Basisbildung"

 

Der Terminus Basisbildung bzw. Grundbildung bezeichnet im bildungspolitischen Sinn der EU die Kulturtechniken Lesen, Schreiben, Rechnen und den Umgang mit Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT), die notwendig sind, um an gesellschaftlichen Aktivitäten teilnehmen zu können. Somit bezieht sich der Begriff auf konkrete Anforderungen der Gesellschaft und ist daher relativ, da er von der Entwicklung ebendieser Gesellschaft abhängig ist. Beispielsweise zählte vor 30 Jahren der Umgang mit dem Computer noch keineswegs als eine Voraussetzung für die Teilnahme an gesellschaftlichen Aktivitäten (vgl. hierzu auch die Definitionen von Basisbildung vom Netzwerk Basisbildung und Alphabetisierung in Österreich bzw. eine kurze Übersicht über Begrifflichkeiten von Rudolf de Cillia.)

 

Zu beachten ist in unserem Kontext, dass die "kulturellen Anforderungen" nicht nur im Wandel der Zeit, sondern eben auch von Kultur zu Kultur verschieden sein können. Dies trifft auch stark auf den Begriff des funktionalen Analphabetismus zu, der sich dadurch definiert, dass die Betroffenen das Lesen und Schreiben bzw. Rechnen nicht ausreichend für die "Nutzung dieser Kulturtechniken für ihre eigene Entwicklung und die ihrer Gemeinschaft" (vgl. Rudolf de Cillia, Übersicht über Begrifflichkeiten) beherrschen.

Bei MigrantInnen kann es durchaus vorkommen, dass der Basisbildungsbedarf erst durch die Migration nach Europa entsteht. Viele Personen beherrschen die so genannten Kulturtechniken in einem ausreichenden Ausmaß, um ihre Lebenssituationen in den jeweiligen Herkunftsländern ohne Unterstützung zu bewältigen, kommen aber mit ihren Kenntnissen in Österreich nicht mehr zurande. So etwa kann es für einen Schneider in Westafrika ausreichen, die Zahlen schreiben und sich beim Maßnehmen Notizen machen zu können und einen Preis und das entsprechende Retourgeld (im Kopf) zu berechnen. Kommt dieser Mensch aber nach Österreich, wird er damit konfrontiert, dass er selbst am Niedriglohnsektor wesentlich höhere Lese- und Schreibkompetenzen bzw. auch IKT-Kompetenzen braucht, um bestehen zu können.

Dies verändert natürlich auch das Selbstbild und den Selbstwert dieses Menschen: So berichten etwa erwachsene MigrantInnen in Basisbildungsmaßnahmen, dass sie sich um Jahre zurückversetzt und ihrer Selbstständigkeit benommen fühlen, da sie ihr Leben bisher problemlos eigenständig organisieren konnten und nun ständig - nicht nur sprachlich - an ihre Grenzen stoßen.

Dieser Aspekt darf in der Basisbildung mit MigrantInnen nicht vernachlässigt werden und ist ein weiteres Argument dafür, bei den Kompetenzen der Lernenden anzusetzen, diese ernst und als wichtige Ressourcen wahrzunehmen und im weiteren Bildungsweg daran anzuknüpfen.

 

Einen wesentlichen Aspekt von Basisbildung als Beitrag zum lebenslangen bzw. lebensbegleitenden Lernen stellt das "Lernen lernen" selbst dar. Es muss sich als roter Faden durch alle Vermittlungsangebote ziehen, deren Ziel es ist, den Lernenden zu mehr Selbstständigkeit zu verhelfen. Personen, die in formalen Kontexten bisher wenig Lernerfahrung gemacht haben, müssen Lernstrategien lernen und sich ihres persönlichen Lernens bewusst werden. Dazu gehört z. B. die Struktur und Ordnung von Lernunterlagen ebenso wie das Schaffen eines geeigneten Lernplatzes bzw. aber auch konkrete Lese- und Schreibstrategien oder und vor allem das Benützen von etwaigen Nachschlagewerken oder dem Computer als Informationsquelle.

Ebenso müssen die von der EU definierten Schlüsselkompetenzen in den Maßnahmen zur Basisbildung Beachtung finden. Diese umfassen neben dem "Grundangebot" unserer Basisbildungsmaßnahmen (erst- und fremdsprachliche Kompetenz, mathematische Kompetenz, IKT und "Lernen lernen") auch interkulturelle sowie soziale Kompetenzen, unternehmerische Kompetenz und kulturelle Kompetenz.

Selbstverständlich muss auch der Erwerb von Englischkenntnissen in Betracht gezogen werden, wenn man heute von Basisbildung spricht. Nicht nur der Zugang zu höherer Bildung ist damit verknüpft, sondern auch im Berufsleben sind diese eine meist - auch in gering qualifizierten Berufen - notwendige Voraussetzung.

 

Unterstützung durch BildungspartnerInnen

 

Zur Basisbildung im Projektnetzwerk Dynamo gehören auch Aktivitäten außerhalb des Kursgeschehens wie z. B. regelmäßige Treffen mit BildungspartnerInnen. Eine Bildungspartnerschaft im Sinne der Tandem-Methode ermöglicht individualisiertes und kreatives Lernen als Ergänzung zum Lernen im Kurs. Diese Methode fördert neben dem interkulturellen Austausch auch Lernautonomie bzw. selbständiges Lernen. Sprachlich noch weniger gut gerüstete TeilnehmerInnen verlieren bei solchen Treffen schnell die Sprechhemmung, weil hier Konversation als Hauptaktivität im Mittelpunkt steht und zu zweit individuell gearbeitet werden kann. Die KursleiterIn kann sich darauf beschränken, in der Gruppe Tipps für diese Treffen zu geben sowie nützliche Lernstrategien zu trainieren. Es ist eine große Herausforderung, das Prinzip des selbstgesteuerten Lernens nachhaltig zu vermitteln, da es Lernern häufig schwer fällt, die Verantwortung für ihr eigenes Lernen zu übernehmen. Eine Bildungspartnerschaft kann diesen Prozess unterstützen.

Dass die Jugendlichen mit ihren Stärken und Kompetenzen wahrgenommen werden, bildet die Basis der in unseren Lehrgängen verankerten Bildungspartnerschaften. Es werden keine "NachhilfelehrerInnen" vermittelt, sondern es soll tatsächlich um ein Lernen voneinander gehen, in dem die vermittelten BildungspartnerInnen den jugendlichen TeilnehmerInnen echtes Interesse entgegenbringen und von ihnen (etwa Sprache, kulturelle Informationen, Wissen über das Leben in den Communities etc.) lernen.

 

Basisbildung aus der Sicht der TeilnehmerInnen

 

Im Rahmen unserer Lehrgänge wurden natürlich auch immer die Lernenden befragt, was sie unter "Basisbildung" verstehen und welche Erwartungen sie demnach an den Kurs bzw. die Inhalte haben. Diese Befragungen ergaben, dass die Jugendlichen, die ja alle am Besuch eines Hauptschulabschlusses interessiert waren bzw. sind, durchaus auch "Fachwissen" neben "lebenspraktischen" und "kulturellen" Aspekten (z. B. Umgang mit Geld oder Zeit,...) einforderten. Auch das eigenständige Lernen bzw. das Erlangen von größerer Selbstständigkeit wurde von den Jugendlichen genannt (siehe dazu die Ergebnisse des Arbeitsauftrags in einem der Lehrgänge: Was ist Basisbildung? Ergebnisse BAJU). Den BildungspartnerInnen der Jugendlichen wurde im Rahmen ihrer Schulung dieselbe Frage gestellt, und auch sie nannten neben den Kulturtechniken und z. B. auch dem Aspekt der politischen Bildung "Sachthemen", also Wissen, über das zum Beispiel österreichische Volksschulkinder verfügen sollten (siehe Was ist Basisbildung? Ergebnisse BiPas).

 

Basisbildung als Voraussetzung für das Erlangen von Bildungsabschlüssen

 

Definiert man Basisbildung als zusammenfassende Bezeichnung für die Kulturtechniken Lesen, Schreiben, Rechnen und IKT, ist damit noch nicht jenes "Sachwissen" beschrieben, das in unserer Gesellschaft auch vorausgesetzt wird und zum Erlangen von Schlüsselkompetenzen im Sinne der Europäischen Union notwendig ist. Dieses "Sachwissen" wird einerseits ständig im Alltag und in der Kommunikation mit der Umwelt (z. B. politisches oder auch geographisches Grundwissen) verlangt, andererseits auch dann, wenn etwa der Hauptschulabschluss angestrebt wird. In den Vorbereitungslehrgängen für die HS-Abschlussprüfungen wird davon ausgegangen, dass die Teilnehmenden zumindest über jenes Vorwissen verfügen, das von österreichischen VolksschulabgängerInnen oder auch AbsolventInnen einer ersten Klasse der Sekundarstufe I verlangt wird. Hierunter fällt das oben zitierte "Sachwissen", also zum Beispiel geographisches Grundwissen oder auch Basiskenntnisse der Weltgeschichte u. Ä.

 

Wollen nun Jugendliche einen Hauptschulabschluss nachholen, muss es auch Aufgabe der dazu hinführenden (Basis)Bildungsmaßnahmen sein, die notwendigen Voraussetzungen zu schaffen und sich in der Vermittlung der Kulturtechniken auch an den Sachthemen zu orientieren, auf die die Lernenden vorbereitet sein müssen, um dem späteren Fachunterricht folgen zu können. In den Maßnahmen des Netzwerks Dynamo wurde darauf größtmöglich Rücksicht genommen und ein Konzept entwickelt, in dem DaZ-Unterricht anhand von Sachthemen stattfindet und die Jugendlichen inhaltlich wie sprachlich auf die Inhalte der Hauptschulabschlusslehrgänge vorbereitet (siehe dazu auch Lerninhalte Basisbildung).

 

Bibliografische Angaben zu der im Artikel zitierten Literatur unter Literaturhinweise